Geschichte der Renneperstrasse

Zur Geschichte der Renneperstrasse
Franz-Josef Cohnen

Der nachstehende Beitrag erschien bereits im Heimatboten Schwalmtal 1998, S. 62ff und wird hier etwas gekürzt wieder gegeben.

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Über eine erste Besiedlung der Renneperstraße liegen keine Quellen vor. Möglicherweise geschah dies im 12. oder 13. Jahrhun­dert als typische Waldhufensiedlung. Entlang eines Was­serlaufes entstanden die ersten Höfe, von dort wurde dann nach und nach das höher gelegene Gebiet gerodet (1). Der Wasserlauf versiegte im Bereich der Renneper­straße wohl schon vor langer Zeit, ab der Felderseite führte er noch bis vor einigen Jahren ständig Wasser (zuletzt gespeist jeweils nach Bauvorhaben, bei denen wasserführende Schichten angestochen wurden). Heu­te führt der Bach (im Volksmund „Oorebäckske“ ge­nannt, weil das Wasser heilende Wirkung auf die Augen hatte) nur noch Wasser nach stärkeren Regenfällen und zur Schneeschmelze. Jedenfalls liegen in diesem Rinn­sal auch die Wurzeln des Namens Renneperstraße begründet. Diese Rinne begleitete früher wohl nur ein Pfad, der die einzelnen Höfe verband. Man wohnte also am „Rinnenpfad“ oder wie man mundartlich sagte am „Rennepad“. Alte Nennungen dieser Art finden wir z.B. im Zinsregister des Xantener Stiftes: 1510 ist ein Thijßken te Runnenpade van Coenen hove genannt, 1570 ein Theiß Coenen oder tho Rannenpaedt. Im Zinsregister der Familie Bocholtz ist ebenfalls ein Rennepäter guth genannt (2).

Im Laufe der Jahrhunderte verschliss „Rennepad“ zu „Renneper“, und als später der Pfad zur (Heer-)Straße ausgebaut wurde, kannte niemand mehr die Bedeutung der Endsilbe „per“ und man hängte einfach „Straße“ an. Renneperstraße heißt übersetzt also nichts anderes als „Rinnenpfadstraße“. Deshalb ist auch zusammenge­schrieben „Renneperstraße“ richtig (und nicht getrennt „Renneper Straße“, denn die Benennung erfolgte nicht nach einem Ort Rennep

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Karte nach Tranchot und v. Müffling 1803 – 1820

Diese Rinne (und somit auch die Straße) war immer schon Grenze zwischen den Zivil- und Kirchengemein­den Amern und Dilkrath im Westen sowie Dülken im Osten, zwischen den alten Gerichtsbezirken „Waldnie­ler Ort“ und „Dülkener Ort“ im Amt Brüggen (3) und letztlich auch zwischen den Bistümern Lüttich (Amern und Dilkrath) und Köln (Dülken). Dieser Grenzverlauf aus dem Mittelalter überdauerte auch die napoleonische Zeit. Die östlich derStraße wohnenden Familien mußten ihre Kinder in Dülken taufen lassen und zur Schule in Dülken-Nette schicken, die westliche Seite war noch­mals geteilt: Die obere südliche Hälfte (bis einschließlich Hof Vennekel) gehörte zur Gemeinde Amern St. Georg, der nördliche Bereich (wie die Felderseite) zu Dilkrath.

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Ehemaliger Hof Eulenpesch um 1970

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Frankeser Hof (Berger/Birker) mit Backhasu um 1970

Die Bewohner selbst haben diese Grenze nie als tren­nend empfunden, ob man nun dem Bischof von Lüttich oder von Köln unterstand, man heiratete über die Straße hinweg und man half sich gegenseitig, man gründete gemeinsam Vereine und feierte gemeinsam. Eine kommunale Neugliederung führte dann am 1.4.1928 zusammen, was hier längst eins war: Die bis dahin selbständigen Zivilgemeinden Amern St. Georg und Dilkrath vereinigten sich zur Bürgermeisterei  Amern St. Georg, der aus der Gemeinde Dülken-Land auch die östliche Renneperstraße und die Brüggener Hütte zuge­schlagen wurden. Die kirchliche Umpfarrung erfolgte erst zum 11.5.1934 (4). Aus dem ehemals DülkenerTeil kam der obere südliche Bereich bis zur Kreuzung mit dem Amerner Weg zur Pfarre      Amern St. Georg, der übrige Bereich und die Brüggener Hütte zur Pfarre Dilkrath St. Gertrud.

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Hof Hölter (Zustand vor dem Umbau)

Der mündlichen Überlieferung nach soll es nur einmal ernste Unstimmigkeiten zwischen Ost und West gege­ben haben, und zwar bei Anlage der Straßengräben, die heute die Rinne ersetzen: Bei zunächst nur einseitigem Graben wurde bei jedem Regenguss die Straße mit Wasser und Schlamm bedeckt. So entschied man sich für Gräben auf beiden Seiten, die heute die Straße frei halten

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Alter Ziehbrunnen am ehemaligen Anwesen Cuypers um 1970

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Quellen:

  1. Herlig Zschocke: Die Waldhufensiedlungen am Linken Deutschen Nieder­rhein. Wiesbaden 1963, S. 67ff
  2. Herlig Zschoke: a.a.O., S. 35
  3. Josef Deilmann: Geschichte des Amtes Brüggen. Bd. I Süchteln 1927, S. 4 und Bd. II Süchteln 1930, S. 73 ff -vergl. hierzu auch eine Notiz über die Grenzen von Dülkener und Waldnieler Ort im Pfarrarchiv Dilkrath Nr. 77/4
  4. Pfarrchronik Dilkrath 1934